Es herbstelt…

Ja, auch hier auf der sonst so sonnigen Insel ist der Herbst in voller Fahrt, und es regnet doch das eine oder andere Mal. Komisch eigentlich, dass ich mich immer veranlasst sehe, über das Wetter zu berichten, vor allem, wenn es mal nicht “Regenwahrscheinlichkeit: 0%” heisst! Wer weiss, woran das liegt, aber irgendwie habe ich wohl selbst noch so meine Probleme mit dem Image Mallorcas als reinem Urlaubsziel. So meinte unlängst die liebe Maja: “schon komisch, dass Du hier wohnst, wo wie Urlaub machen!” Geht mir ja umgekehrt auch nicht anders: echt bizarr manchmal, dass die Leute hier Urlaub machen, wo ich wohne! Und mitunter auch ein wenig nervig. So zum Beispiel, wenn ich von der mfa aus nur mal eben kurz um die Ecke gehen will, um im Café Toronto einen ebensolchen con Leche zu holen. Dazu muss ich mich nämlich aufgrund der örtlichen Gegebenheiten in den Strom mit überfliessender Freizeit ausgestatteter Touristen einfädeln muss, genau da, wo er am dicksten ist, der Strom, nämlich auf Palmas Calle San Miguel, kurz vor der Plaça Mayor. Da merke ich nämlich dann sehr unmittelbar, dass das touristische Zeitempfinden von dem gestresster Filmschaffende (oder Film-schaffen-wollender) doch erheblich abweicht: mit anderen Worten: nach zehn Metern, hilflos eingekeilt in zäh sich dahinwälzenden, weisslich glänzenden oder rot verbrannten, aus unsäglich deplazierten Strandklamotten (die sie zu hause nicht mal für Rollenspiele im Swingerclub anziehen würden) herausquellenden Touristenmassen, brauche ich eigentlich zum Kaffee gleich noch zwei Bier dazu. Für die Nerven. Und den Rückweg. Der kann schliesslich dauern.
Doch schön langsam ebbt die Flut der Weissmenschen wieder ab, und man kann sich wieder halbwegs im normalen Gehtempo durch Palmas Altstadtgassen bewegen. Nicht allzu lang, und die Mallorquiner können ihre gesammelte Abneigung wieder allein uns anderen “Zugereisten” widmen, darunter den sogenannten (was mir früher auch nicht bekannt war) “Residenten” aus aller Herren Ländern, den Überwinterern, den Crews der Luxusyachten, und den besonders beliebten Festlandsspaniern, die zwar kein Mallorquin sprechen, aber trotzdem einfach alles aufkaufen, was Michael Douglas ihnen übriggelassen hat.
Der Mallorquiner hat’s nicht leicht, erträgt sein Schicksal aber doch mit erstaunlicher Gelassenheit, wenn auch gerne ein wenig mürrisch. Und schon rollt (buchstäblich) auch schon die nächste Welle auf ihn zu, diese allerdings weniger schwabbelig als die ders Sommers, vielmehr kernig und sich der passenden Kleidung umso bewusster. Deren Tour-de-France taugliche Signalfarben können allerdings ihre Träger auch nicht ausreichend vor den Folgen des eigenen Unwillens, ihre Luxusgefährte auf engen Serpentinenstrassen hintereinander statt in Dreierreihen zu bewegen, schützen, so dass jeden Winter wieder ein Dutzend von ihnen die Insel zwar ohne den gewünschten Trainingserfolg, dafür aber im Liegen verlassen, nachdem sie die Aluröhren ihrer Räder gegen etwas grössere mit praktischen Tragegriffen getauscht haben. Denn die Mallorquinische Geduld geht zwar weit, aber so weit, vor jeder (aber wirklich jeder) Kurve auf Schrittgeschwindigkeit zu bremsen, für den leider nur allzu wahrscheinlichen Fall, dass sich dahinter eine breit gefächerte Phalanx ungläubig staunender Rennradfahrer positioniert hat, frei nach dem Motto: “Bei der ‘Tour’ gibt´s schliesslich auch keinen Gegenverkehr!”, geht sie nicht. Ein Kollege, der seit Jahren auf Mallorca wohnt, musste einmal, wie er mir unlängst berichtete, innerhalb von zwei Wochen zwei tödliche Rennradunfälle mitansehen. Es lebe der Sport!

Dem gleichnamigen Klassiker deutschsprachigen Liedguts durften wir ja im August andächtig lauschen, die rollenden Kameras im Anschlag, während er von seinem Schöpfer Reinhard Fendrich höchstselbst beim zehnjährigen Geburtstagsfest des Inselradios zu Gehör gebracht wurde. Selbiges kann er immer noch ganz gut, wie ich finde.
Inzwischen habe ich das entstandene Material (darunter noch einige weitere Konzertmitschnitte und etliche zum Teil unterhaltsame Interviews) auch ordentlich in Form geschnitzt, und wie mir der Chef des Inselradios glaubhaft versichert wurde, ist das entstandene Werk auch schon mit einigem Erfolg als Ice-Breaker bei einem Konzert gelaufen. Selbst konnte ich mich allerdings nicht davon überzeugen, da zum gleichen Zeit in personam, allerdings mit eindeutig geringerem Erfolg, mit dem Versuch des Ice-Breakings auf der Warm-Up-Veranstaltung zum inzwischen auch schon wieder abgedrehten ZDF-Film “Vater auf der Flucht”, mit dem überaus routinierten Olli Korritke (”Ick hab jetz fünfundreissichstet Bühnenjubiläum, da sind die hier noch mitm Brummkreisel umen Weinachtsbaum jelofen, da hab ick schon Sesamstrasse jedreht!”) und der überaus bezaubernden Mandala Tayde. Neben letzterer durfte ich mich auch einmal kurz ins Bild stellen, und wenn die Cutterin wider erwarten Gnade vor Recht ergehen lässt, und meine Screentime nicht zur Gänze dem Diktat der Sendefähigkeit zum Opfer fällt, dürft ihr mich demnächst zur besten Sendezeit in schmucker Hoteluniform bestaunen. Vermutlich Anfang nächsten Jahres, kurz vor Saisonbeginn, um nur ja allen, die von alleine nicht auf den Gedanken kämen, sich verleitet sehen, doch so schnell wie möglich einmal auf Mallorca Urlaub zu machen, wobei im konkreten Bild wohl eher Mandalas als mein Anblick den Zug-Vögel-Instinkt der Zuschauer animieren wird. Die von Theo Müller (der uns hier an der mfa momentan wieder mit seinem Kamera-Know-How, seinen Set-Anekdoten und seinen publikations-würdigen Weisheiten, Marke: “Blende auf, alles drauf” bereichert) mit gewohnter Lässigkeit appetitanregend photographierte Schokoladenseite der Insel dürfte ein übriges tun, wabernde Wogen weisswangiger Wohlstandsbürger in Wallung zu bringen, und sie pünktlich zum ersten warmen Tag im nächsten Jahr wieder über “unserer” Insel zusammenschlagen zu lassen, auf dass Mallorquiner und “Zugereiste” wieder einvernehmlich über den “gemeinsamen Feind” lästern können, nachdem sie sich ein halbes Jahr nur miteinander und mit den Rennrad-Imperialisten befassen konnten. Der nächste Besucherrekord dräut. Tausend Starts und Landungen an einem Tag (5. August 2006) können doch noch nicht alles gewesen sein…

In diesem Sinne schliesst sich für heute der Kreis, und alles schielt verschärft auf den Weihnachtsurlaub. Bis dahin gibt es aber noch etliches zu tun, unter anderem werden noch einige Filme gedreht werden, darunter mein nächster eigener. Dazu später mehr an gleicher Stelle…

5 Kommentare zu “Es herbstelt…”

  1. Andi
    Oktober 17th, 2006 14:00
    1

    Schön mal wieder ausführlicher an dieser Stelle von Dir zu lesen. Anscheinend sollte ich doch regelmäßiger eine Aufforderung dazu hinterlassen! ;)

    Ich hoffe die genaue Sendezeit von “Vater auf der Flucht” wird hier noch veröffentlicht, damit ich mir selbst ein Bild von Deinen schauspielerischen Fähigkeiten als Statist machen kann!

    Auf den Weihnachtsurlaub kannst in der Tat schon verstärkt schielen, denn der 22.12. auf dem Tollwood ist vom Alex und mir bereits fix gebucht!

  2. Guck mal wer da sschreibt - Andib
    Oktober 17th, 2006 14:15
    2

    […] Aber lest selbst: Es herbstelt […]

  3. Steffi
    Oktober 24th, 2006 08:47
    3

    Hi Paul!
    Wie immer - eine wunderbare kleine Flucht Deine zwar recht seltenen Lebenszeichen zu lesen, aber umsomehr freut es mich jedesmal, wenn ich sehe, dass es sich doch lohnt regelmäßig hier reinzuschaun! Meld Dich, wenn Du in Muc bist - ich möchte gerne eine Ecke Deiner Zeit… :-)
    bis bald!
    Steffi

  4. Rudolfo
    November 5th, 2006 11:48
    4

    Herrlich, herrlich, was der Huber alles so für Weißheiten parat hat ;-)

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