Palma=Berlin?

Wieder einmal bringt mich das Wetter dazu, etwas zu schreiben. Ab heute scheint auch hier der goldene Herbst vorbei, und die Regenzeit im vollen Gange. Die Tatsache, dass heute hier Feiertag ist, und die Strassen Palmas dadurch ziemlich leer (manchmal frage ich mich, ob hier überhaupt wer wär, wenn es nichts zu kaufen gäbe), tragen zu einer jahreszeitlich angemessenen Tristesse bei. A Propos “Strassen Palmas”. Das bringt mich zum eigentlichen Thema: warum Palma nicht Berlin ist…Inzwischen ist nämlich mein jüngster Kurzfilm abgedreht. Während Dreh und Vorbereitung fehlte mir etwas die Musse, um ein Produktionstagebuch zu führen, jedoch will ich Euch die Highlights nicht vorenthalten. Was das alles mit Berlin zu tun hat? Tja, irgendwie trug es sich zu, dass mein Film partout in Berlin spielen wollte. Und an der Ostsee. Ich kann nichts dafür. Die Geschichte ergab sich einfach so. Sehr zur Freude vieler Beobachter…
Aber eins nach dem anderen. Es begab sich also zu der Zeit…

Mitte November:

Dreh rückt näher. Buch wird langsam, viel zu langsam fertig. Oder sowas ähnliches wie feritg. Wird sich irgendwie drehen lassen. Nachteil: ich kapiere die Hälfte nicht. Ist da normal, wenn man es selbst geschrieben hat? Darf das? Wie auch immer, ich muss da durch. Vage Vorstellung, was passieren wird vorhanden, muss reichen. Meine Hauptfigur, ein blindes Mädchen begibt sich, nach einem Streit mit der Familie, auf eine nächtliche Odyssee mit einem Taxifahrer, der seit Jahren die Schluchten der Grossstadt durchstreift, auf der Suche nach etwas, oder jemandem. Sie verfällt auf die Idee, ans Meer zu fahren, weil sie jetzt sofort alles nachholen will, was sie noch nie gemacht hat. Dem geneigten Leser werden die Probleme ins Gesicht springen: Wie, sie war noch nie am Meer? Welche Grossstadtschluchten? Genau. Geht mir auch so. Ich kann es drehen und wenden wie ich will, der Film kann nicht in Palma spielen. Muss fast Berlin. Alle finden es zum schreien. Zum Beispiel Theo Müller, alter Fuchs und Kamermann seines Zeichens. Jeden Tag bringt er durchschnittlich drei neue Berlin-Witze mit. Mir ist das Lachen vergangen. Irgendwie müssen wir es eben schaffen, alles, was definitiv NICHT nach Berlin aussieht, rauszuhalten. Immerhin spielt der Film nachts. Lichter im Hintergrund sehen relativ neutral aus. Wenn nicht grad was spanisches drauf zu lesen ist. Fehlt noch eine Wohnung, die nach Berliner Altbau aussieht. Nach etlichen Absagen Wohnung von Annette besichtigt. Sehr schön. Vor allem der Hafenblick. Spektakulär. Also weitersuchen. Im Endeffekt dann doch fündig geworden, Pamela und Thomas, die hier einen sehr schönen Goldschmiedeladen betreiben, lassen mich bei sich zu hause drehen. Schöne Wohnung, könnte Berlin sein.

Sonntag, 19. November, 1. Drehtag

Heute vier Umzüge. Soll angeblich das Team stärken, am ersten Tag viel Geschleppe und Aussendrehs zu haben. Erst mal eine Einstellung hier in der Schule, dann in Karls legendärer Bar. Vorteil: hier wie dort rote Wände, es sollte klappen, das zu einer Szene zusammenzukleben. Tina, meine Hauptdarstellerin, sieht krass blind aus. Es scheint zu funktionieren. Danach drehen wir ihre letzte Szene bei Stan im Treppenhaus. Müssen regelmässig unterbrechen, da kiffende Spanier Motorradteile durchs Bild tragen. Sonst läuft es gut. Im Anschluss noch Johannes’ letzte Szene. Wie schon traditionell dreht er seine letzte Szene hier auffe Insel immer als erstes. Muss aus dem Fenster kucken und über Berlin schauen. Die Berge im Hintergrund muss er dafür wegspielen. Geht schon irgendwie. Das fehlende Berlin “fixen wir in der Post”. Ha. Keiner glaubt mir, aber ich.

Montag, 20. November, 2. Drehtag

Heute geht es erst mal gechillt los. Wir dekorieren das MFA-Hotel Monterrey auf Ostsee um. Lou wird nicht müde zu betonen, dass er ja selbst zweieinhalb Jahre an der Ostsee gedreht hätte, und es da genau so aussieht. Vor allem der Gummibaum vor dem Fenster sei sehr authentisch, meint Lou. In jedem Hotel an der Ostsee gäbe es Gummibäume, meint Lou. Ich meine nichts, weil ich da noch nie war, aber das hindert mich nicht, einen Film zu drehen, der da spielt. Sollen die anderen ruhig spotten! Am Nachmittag sowas ähnliches wie eine Liebesszene, allerdings nur Hände im Bild, und Füsse. Das mit den Füssen scheint nicht wie erhofft zu funktionieren, im fertigen Film werden es wohl doch nur Hände sein. Man kann nicht alles haben. Abends noch eine erste Aussen/Nacht Szene vor unserer Wohnung. Lou, der nicht müde wird, zu betonen, dass er ja selbst zehn Jahre in Berlin gelebt hätte, findet, es sähe hier aus wie in Kreuzberg. Da ich mich da nicht so auskenne, finde ich lieber nichts, und hoffe auf die Wirkung der Nacht auf das Bild, gewissermassen. Sollen sie ruhig spotten, ich bin sicher, dass das geht!

Dienstag, 21. November, 3. Drehtag.

Heute erst mal lange schlafen. Haben wir auch dringend nötig, weil wir heute Nacht unseren Hammerdreh haben. Nach langem suchen hat sich doch ein Strand gefunden, der irgendwie als Ostsee durchgeht. Nämlich den, an den wir als erstes gedacht hatten, bevor wir kreuz und quer über die Insel gefahren sind. Lou, der nicht müde wird usw., findet, dass das passt. Ich auch. Vorher aber noch Aussen/Nacht Industriegebiet. Hier soll man sich einen Szeneclub vorstellen können. Schlage vor, im Hintergrund den Fernsehturm einzufügen, was meinem Kameramann nur ein verächtliches Grunzen entlockt. Dafür meint er, der nimmermüde (zu betonen, dass er usw., nämlich), dass das Logo der “Ultima Hora” durchaus als das der “tageszeitung” durchgeht, man müsse es nur unscharf genug machen. Ich höre sowas inzwischen nicht mehr. Nachdem wir alle Szenen, in denen das Auto steht, gedreht haben, und nur noch die drehen müssen, in denen das Auto fährt, fährt das Auto nicht mehr. Wir haben einen wunderschönen alten weissen 123er Mercedes als Taxi aufgetan (der im ungesund orangen Licht der palmesischen Strassenlaternen tatsächlich aussieht, wie ein Taxi, auch dank des von Stans Grossvater… organisierten Taxischilds). Nachdem nun die erste Hälfte einer Fahrszene gedreht ist, steigt weisser Rauch aus dem Motorraum. Kühlerdichtung kaputt. Wir beschliessen, die Szene im Stehen zu drehen. Stan und Sebastian werden von Lou (der nicht müde wird…) in Windeseile als “Strassenlampen” angelernt, Toni als “Bremslicht” und Martin als “Verkehr”, was ihm ziemlich gut liegt. Bizarre Szenen spielen sich ab: die Strassenlampen laufen hinter dem Auto angeschaltet hin und ausgeschaltet wieder zurück. Das Bremslicht bremst, gelegentlich. Der Verkehr zieht vorbei, indem er sich wie ein Tanzbär im Kreise dreht, mit einer langen Lampe vor dem Bauch. Nachdem alles steht, fängt es endlich an, zu regnen. Wir beschliessen, den Regen mitzunehmen, wohl wissend, dass wir dann die erste Hälfte der Szene (die gefahrene) nochmal werden drehen müssen. Trotz des ganzen Wahnsinns um sie herum spielt Tina eine wunderbare Szene. Wir bauen um auf Johannes - da hört es auf zu regnen. Lou, der eine gewisse Erfahrung in derlei Dingen zu betonen nicht müde wird, macht Regen, mit dem Rest unserer Wasserflaschen (also denen, die nicht in den Kühler des Mercedes gewandert sind).
Gegen halb fünf Uhr morgens ist dieser Teil des Drehs abgeschlossen. Durch den ganzen Lichterwahnsinn haben wir viel Zeit verloren, und beschliessen, die wohlverdiente Pause ausfallen zu lassen. Schliesslich ist nicht damit zu rechnen, dass auch die Sonne mit dem Aufgehen mehr Zeit brauchen wird, als ursprünglich geplant. Knapp fünf Kilo Chili con Carne warten traurig auf unserem Herd und auf uns, aber wir kommen nicht. Stattdessen macht sich ein kleines Team auf zum Strand, wo wir gegen halb sechs, nachdem wir uns einmal ordentlich verfahren haben, ankommen. Es ist stockfinstere Nacht, ein Sturm tobt, ein Fahnenmast macht Höllenlärm mit seinem Fahnenseil, und an das Aufstellen von Lampen ist nicht zu denken (man müsste sie zu zweit festhalten). Also die mutige Variante: wir warten, bis es hell wird, drehen dann schnell und hoffen auf das Beste. Stan und Martin packen alles überflüssige Equipment in eines der Autos und fahren zurück, bleiben noch der Ton, die Kamera, die zwei Schauspieler und ich. Guerilla Filmmaking at it´s most daring. Irgendwann wird es hell und wird drehen los. Alles geht Schlag auf Schlag, die Schauspieler spielen in den Totalen eigentlich nur noch die Positionen, ohne Dialog, ein Take und nächste Einstellung. In zwanzig Minuten drehen wir die Szene in Acht Einstellungsgrössen (oder waren es mehr?). Lou kämpft gegen sechzehn Blenden Helligkeitsunterschied und am Schluss sogar gegen das Meer, das dringend in seine Schuhe will. Aber irgendwie klappt es. Wir fahren heim, ich habe dringend das Bedürfnis, das Auto am Strassenrand abzustellen, und eine halbe Stunde zu schlafen (so wie alle anderen im Auto). Falle gegen neun tot aufs Bett. Gegen elf kommen Stan und Martin, nachdem sie endlich Equipment und Auto abgeben konnten (und eine halbe Stunde am Strassenrand geschlafen haben). Wir reduzieren die Menge überschüssigen Chilis aus etwa zwei Kilo und verabschieden uns. Mit Johannes habe ich vereinbart, ihn um zwei abzuholen, und zum Flughafen zu bringen. Gegen drei höre ich seine Nachricht auf der Mailbox. Dass er ein Taxi genommen hat, und sich schon gedacht, dass ich verpenne. Hätte er auch fast, meint er. Jetzt erst mal einen Tag lang nix drehen. Morgen geht es weiter, und am Freitag nach Berlin (das echte, das in Deutschland). Heute nacht habe ich mehrmals massiv an meiner Zurechnungsfähigkeit gezweifelt. Aber jetzt geht´s schon wieder…
Fortsetzung folgt…

3 Kommentare zu “Palma=Berlin?”

  1. Andi
    Dezember 13th, 2006 14:22
    1

    Du solltest Dir echt angewöhnen hier öfter mal was reinzuschreiben. Hab gerade eben wieder tränen gelacht … :)

    Wann gibt’s denn den fertigen Film aus Palma de Berlin zu sehen?

  2. Rudolfo
    Dezember 15th, 2006 14:11
    2

    Ich kenn da ja einen, der bestimmt nicht müde werden wird dir die Ohren langzuziehen ;-)

  3. Andi Breu
    Dezember 15th, 2006 16:10
    3

    Ich würde da ja gleich mehrere kennen … ;)

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